Angekommen

Angekommen

So, da sind wir nun. Wir können es noch kaum fassen und freuen uns alle fünf Minuten aufs Neue.

Als wir in der (außerordentlich kurzen) Schlange vor der Fähre warteten sagte der Gatte: „I can’t wait to get off this rock.“ Ich wollte gar nichts dazu sagen, denn obwohl ich die Fähre vor mir hatte, wagte ich kaum zu hoffen, dass nichts schief geht und wir wirklich heute das Land verlassen werden. Haben wir dann aber, ohne Schwierigkeiten. Sogar ohne Seegang. Es war mild und das Meer glatt, und als wir Montagmorgen aufwachten war Land in Sicht. Festland. Auf der Autobahn in den Niederlanden hatte ich das komische Gefühl erfolgreich „entkommen“ zu sein, eine unerwartete Erleichterung. Freude hatte ich erwartet, Erleichterung nicht.

Wie geplant kamen wir mittags in unserem 750-Seelen-Dorf an. Ich klingelte kurz bei den Nachbarn und machte einen Schritt zurück von der Haustür, denn obwohl wir nicht in häusliche Quarantäne müssen, ist mir doch bewusst, dass ich frisch aus einem Land komme, das eine extrem hohe Infektionsrate hat. Ich wollte den Nachbarn nur sagen, dass wir das sind und keine Einbrecher, aber die hatten bereits von meiner Tante gehört, dass wir heute ankommen würden. Woher meine Tante das wusste, war mir schleierhaft, aber ich vermutete von meiner Schwester. 

Wenig später, als der Gatte und ich auf der Terrasse den Sonnenschein genossen, kam die Schwester unserer Nachbarin an unserem Garten vorbei. Sie wohnte gleich bei uns gegenüber und hatte bereits Aktivitäten ums Haus bemerkt (und offene Fenster, schätze ich mal). Sie hieß uns willkommen und sagte, sie sei froh, dass hier wieder jemand wohnt, und dass wir das sind. „Ihr wart ja alle drei immer sehr umgänglich“ (meine Schwestern und ich). 

Eigentlich hatten wir vorgehabt, die ersten zwei Wochen eher unter dem Radar zu fliegen. Das Siegerland gilt derzeit als Corona-frei (auch, wenn natürlich dieselben Regeln gelten wie anderswo in NRW). Wie schrecklich, wenn wir das Virus wieder einschleppen würden. Es ist allerdings schon sehr unwahrscheinlich. Ich war in England über den ganzen Lockdown hinweg sehr isoliert – erst in den letzten zwei, drei Wochen hatte ich hier und da und mit Social Distancing ein paar Freunde getroffen. Mein Mann allerdings war im Krankenhaus jeden Tag verschiedenen Menschen ausgesetzt. Ein paar seiner Kollegen haben COVID gehabt und sind auch glücklicherweise wieder genesen. Der Gatte und ich haben es – soweit wir wissen, wir sind beide ungetestet – nicht gehabt. Durch seinen Beruf war das Risiko, dass wir mit dem Virus in Berührung gekommen sind, immer relativ hoch. Allerdings hatte er am 11. Juni seinen letzten Arbeitstag – wir waren also zu Hause bereits in Quasi-Quarantäne. 

Gleich am ersten Abend kam mein Cousin vorbei, um uns zu begrüßen und zu seiner Geburtstagsfeier am Mittwoch einzuladen. Soviel also zum „low profile“. Damit nicht genug, er hat mir einen Schreibtisch in seinem Büro angeboten, falls der Internetanschluss auf den wir warten, doch länger dauert. Irgendwie sind die Deutschen, mit denen wir gesprochen haben, längst nicht so zuversichtlich wie wir, dass das morgen schon klappt. Wir haben seit Wochen einen Termin mit einem Techniker eines Internetanbieters, der morgen irgendwann kommen soll. Drückt mir die Daumen, denn wir haben weder Internet noch Fernsehen oder Festnetz, und der Handy-Empfang ist auch mehr als dürftig. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele wichtige Emails auf Antwort warten (z. B. von unserem Umzugsunternehmen oder Property Manager). Das macht mich ganz nervös. 

(P. S.: Hat geklappt, sonst würdet ihr das jetzt nicht lesen.)

Wir sind dann mal weg

Wir können es kaum fassen, aber endlich – fast genau ein Jahr nach der Entscheidung – sitzen wir auf gepackten Koffern. Die Fähre ist gebucht, Sonntagabend von Harwich nach Hoek van Holland. Zur Mittagszeit müssten wir in der neuen alten Heimat ankommen.

Wochenlang haben wir in unserer Freizeit Kartons gepackt, ausgemistet und Papierkram erledigt. Am 11. Juni hatte der Gatte seinen letzten Arbeitstag und wir konnten Vollzeit „umziehen“. Obwohl wir nur eine kleine Wohnung haben, nimmt es irgendwie kein Ende. Wir hätten gern mehr Sachen weggegeben, aber die Charity Shops sind noch geschlossen. Unsere Nachbarin hat sich über unseren Kleiderschrank und das Gästebett gefreut. Am Samstag bekommt sie noch die Gartenmöbel. Unser Sofa wollte keiner, so mussten wir es schweren Herzens zum Recycling bringen.

Wir haben gepackt, geschleppt, gemalert, gesaugt, geputzt, die Terrasse gekärchert, die Sträucher beschnitten und den Rasen gemäht. Nun ist die Wohnung leer und wie aus dem Ei gepellt. Wenn ich sag „leer“, dann meine ich „möbelfrei“. Wir haben nur noch die Einbauküche und die beiden Matratzen von unserem Gästebett (die bekommt unsere Nachbarin dann am Sonntag). Leer kann man das aber nicht nennen, denn es liegen Müllbeutel herum, es gibt noch ein paar offene Kartons, überall stehen Farbeimer und -dosen und Flaschen mit Neutralreiniger und Schimmelspray. Im Wohnzimmer steht mein Drucker auf dem Boden. Obwohl der schon einmal in einem Karton war, haben wir in wieder ausgraben müssen.

Immer ist irgendwas. Heute, zum Beispiel, wollten wir den Nachsendeauftrag stellen. Natürlich kann man das online, aber natürlich klappt das nicht. Gestern:

Zu meiner großen Freude bekam ich eine Email von Royal Mail, mit der Frage, warum ich den Antrag auf Nachsendung abgebrochen hätte. Heute:

Wir haben es mit drei verschiedenen Kreditkarten versucht. Überweisung oder PayPal stand nicht als Option zur Verfügung. So musste ich das PDF-Formular herunterladen, ausdrucken, (noch einmal) ausfüllen, Proof of Address suchen. Da es in Großbritannien keine Meldepflicht gibt, muss man immer bestimmte Schriftstücke mitbringen um zu belegen, dass man wohnt wo man wohnt. Auf meinem Führerschein steht meine Adresse, aber ich bin ja nicht verpflichtet, die zu aktualisieren, wenn ich umziehe (das wäre dann ja Meldepflicht). Deshalb muss ich die Adresse auf meinem Führerschein immer noch mit einer aktuellen Strom-, Wasser- oder Gasrechnung untermauern. Aus dem Internet ausgedruckte Rechnungen werden nicht akzeptiert. Soviel also zu „paperless“. Glücklicherweise kam gestern noch eine ganz frische Rechnung. Wir haben sonst schon alles weggepackt. Nun muss ich also gleich irgendwann zur Post, Schlange stehen, mein Formular abgeben, mich ausweisen, bezahlen. Man hat ja sonst nichts zu tun.

Es geht los

Eigentlich wollten wir im April nach Deutschland zurück ziehen. Aus bekannten Gründen ging das dann nicht. Stattdessen saßen wir hier rum. Am Anfang der Ausgangssperre hatte ich noch genauso viel – wenn nicht mehr – zu tun wie vorher. Im April wurde es dann weniger. Ich hätte also Zeit zum Packen gehabt, aber es war kaum möglich, einen Umzug zu planen. Die Umzugsunternehmen brauchen zwei bis drei Wochen Vorwarnung, doch die Regeln ändern sich ja alle zwei Wochen. Wir trauten uns nicht, ein Umzugsunternehmen zu buchen, wenn wir dann unter Umständen doch nicht umziehen können. Ich weiß, dass es durch die ganze Ausgangssperre hindurch Leute gegeben hat, die erfolgreich über Grenzen umgezogen sind, aber ich hatte trotzdem Schiss, dass es dann doch nicht klappt und wollte deshalb nichts in die Wege leiten.

„Sollen wir schonmal packen?“ fragte der Gatte. Und dann? Wir haben keinen Stauraum, nicht einmal eine Garage, und müssten dann ggf. wochenlang über Kartons klettern. Das war schade, denn wir hatten ja jetzt Zeit.

Endlich fiel der Groschen: Wir mieten eine Self-Storage Unit und bringen unser Zeug da hin. Da kann dann irgendwann ein Umzugsunternehmen alles schön bequem abholen. Und deshalb packen wir jetzt. Es fühlt sich so gut an, endlich etwas zu tun!

Der Gatte hat (erneut) gekündigt und sein letzter Arbeitstag ist am 11. Juni. Bis dahin packen wir und fahren unseren Krempel nach und nach in die Storage Unit. Wenn er dann frei hat, werden wir noch renovieren und saubermachen, bevor wir die letzten paar Kleinigkeiten ins Auto packen und nach Hause fahren, ob mit oder ohne unser anderes Zeug – wir vermuten jetzt einmal mit.

Endlich tut sich etwas!

Hamstersog

Ich komme gerade zurück von meinem einzigen erlaubten Spaziergang des Tages.

Eigentlich ist mir nicht langweilig. Ich bin in der glücklichen Lage trotz Ausgangssperre arbeiten zu können und ich habe genug zu tun. Aber in dieser Woche hatte ich eine Zahn-OP und bin „krankgeschrieben“, d. h. mein Zahnarzt hat mich gebeten, „ein paar Tage kürzer zu treten“. Ich wusste nicht genau, was das heißt, schließlich verdiene ich meinen Unterhalt nicht mit Steine klopfen. Ist am Schreibtisch sitzen und schreiben zu viel? Ich wusste aber auch nicht, wie ich mich nach der Zahn-OP fühlen würde. Würde ich vor lauter Schmerzen zu abgelenkt sein? Würde ich der Schwellung wegen nicht sprechen können (nicht, dass das unbedingt ein Problem wäre).

Nun liegt sie hinter mir und ich fühle mich ganz normal. Ein bisschen müde vielleicht, aber sonst ganz normal. Deshalb habe ich beschlossen, einfach ein paar Tage weniger zu arbeiten und mich auszuruhen. Aber was mache ich dann? Ich kann ja nicht den ganzen Tag fernsehen, nicht einmal lesen. Deshalb habe ich mich zu einem Online-Zeichenkurs angemeldet. Mal was anderes.

Einen Zeichenblock habe ich glücklicherweise, aber Papier aller Art geht auch. Ein Skizzenbuch wäre gut, weil man jeden Tag etwas zeichnen soll. Alle meine Bleistifte – Exemplare, die ich von Kursen und Konferenzen mit nach Hause genommen habe, als man so etwas noch machen konnte – sind HB. Ich hätte gern etwas Variation. Im ganzen Haus ließ sich kein Radiergummi finden, und ich brauchte Sekundenkleber, weil ich neulich auf meinen Kopfhörer getreten bin …

Also machte ich mich auf die Socken zum Supermarkt – ein Schreibwarenladen steht ja im Moment nicht zur Verfügung. Ausnahmsweise wollte ich im Supermarkt heute nichts, was sonst alle wollen. Ich brauche immer noch kein Klopapier zu kaufen (ich hatte vor einem Monat eine Packung mit neun Rollen gekauft, die wir soeben erst angebrochen haben), esse keine Nudeln, backe nicht mit Mehl. Eier habe ich glücklicherweise gestern ergattert. Wir brauchten nichts.

Immer wieder kamen Durchsagen, dass der Supermarkt seine Produkte jetzt rationiert. Von „beliebten Produkten“ wie Toilettenpapier und Handseife bekommt jeder maximal eins. Von allem anderen zwei. Die Öffnungszeiten sind jetzt 8:00 bis 20:00 Uhr (keine Ahnung, was sie sonst sind) und montags, mittwochs und freitags sind die ersten beiden Stunden des Tages für alte Leute reserviert.

Leider hatte der Supermarkt fast nichts, das auf meiner Liste stand – außer Radiergummi und Sekundenkleber. Ich legte jeweils eins in meinen Korb. Alle Notizbücher und Blöcke waren liniert. Es gab nicht einmal Karopapier, dass ich zum „Schiffe versenken“ gebrauchen könnte.

Dann fiel mir ein, dass ich fast keine Schokolade mehr habe. Ich kaufe normalerweise Lindt 90%. Da nur die Wenigsten dunkle Schokolade mögen – schon gar nicht so dunkel – ist die aber immer da. Oder war. Die Schokoladenregale waren fast komplett abgegrast, einschließlich Lindt 90%. Seltsamerweise gab es noch Green & Blacks 85%. Auch gut. Ich gestattete mir zwei Tafeln.

Auf dem Weg zur Kasse kam ich am Alkoholregal vorbei. Gähnende Leere. Meter um Meter – flaschenlos. Oh, da waren doch noch ein paar, aber bei näherem hinsehen stellte sich heraus, dass es alkoholfreier Wein und Sekt war. Den hätte ich auch stehen lassen. Auf den oberen Regalen gab es noch ein paar Flaschen der gehobenen Klasse. Alles gesichert mit diesen Alarmdingern, die man an der Kasse entfernen lassen muss.

Ich wollte gar keinen Wein. Ich soll nach der OP sowieso eine Woche auf alkoholische Getränke verzichten. Aber die Tatsache, dass es überhaupt keinen gab, ließ eine leichte Panik aufsteigen. Was, wenn es nächste Woche auch keinen Wein gibt? Nicht einmal sauteuren? Nicht einmal Champagner? Sollte ich dann nicht sicherheitshalber jetzt eine Flasche mitnehmen? Irgendeine? Nur für alle Fälle?

Es ist kein Wunder, dass die Leute hamstern. Irgendwer hat damit angefangen, und ehe man sich’s versieht wird man mit hineingezogen in dieses vollkommen irrationale Verhalten. Es gibt von allem genug. Oder gäbe, wenn nicht alle alles an sich raffen würden. Aber ich habe gemerkt, wie schwer es ist, sich davon nicht mitreißen zu lassen. Man will ja nicht der Doofe sein, der am Ende nichts mehr abbekommt.

Ich hab’s geschafft. Ich habe meinen Sekundenkleber, mein Radiergummi und meine Schokolade bezahlt und bin wieder nach Hause gegangen. Ohne Wein für £20. Nächste Woche finde ich bestimmt noch irgendwo eine Flasche billigen Weißwein und wenn nicht, werde ich es wahrscheinlich überleben.

Erstmal nicht wieder unter Deutschen

Tja. Nun haben wir den Salat.

Es ist ja irgendwie völlig unwirklich. So etwas ist noch nie da gewesen. Ist es nicht seltsam, dass ausnahmsweise einmal die ganze Welt das gleiche durchlebt?

Wir haben vergangenen Juli beschlossen, nach Deutschland zu ziehen. Der Gatte hat im Januar gekündigt, sein letzter Arbeitstag wäre der 28. April gewesen. Wir wollten in das derzeit leerstehende Haus meiner Mutter ziehen und unsere Wohnung zunächst einmal vermieten. Seit der Entscheidung leben wir in einem Schwebezustand. Ich kann es kaum erwarten, endlich hier wegzukommen, damit wir wieder Pläne machen können und unser Leben weitergeht. Und nun sitzen wir hier. Das war Plan A.

Als vergangene Woche die Grenzen geschlossen wurden, haben wir dann nicht mehr gewagt wie geplant ein Umzugsunternehmen für Mai zu planen. Die Regeln ändern sich ja stündlich. Ist ein Umzug da zwingend notwendig? Dürfte ein Umzugswagen auf die Fähre oder werden nur noch Lebensmittel (und Klopapier) transportiert?

Gut, dann eben Plan B: Wir packen zwei Koffer und ein paar Kisten, schauen, was wir ins Auto kriegen und holen unseren Krempel später nach. Im Haus meiner Mutter kann man so wohnen. Von Besteck bis Bettwäsche ist alles da. Mieter für unsere Wohnung haben wir noch nicht. Es kratzt also keiner an der Tür und besteht auf Einlass. Unsere Nachbarin würde sicher ab und zu lüften und nach dem rechten sehen. Unsere Putzfrau hat angeboten, einmal im Monat sauberzumachen und Staub zu wischen.

Auch bei Plan B weiß man nicht, ob wir hineingelassen würden. Als Deutsche Staatsbürgerin gehe ich eigentlich davon aus. Schließlich sind wir keine Touristen, sondern ziehen um. Aber ich könnte heute bei der Botschaft anrufen und fragen und alles ist gut, aber wenn ich morgen an der Grenze ankomme haben sich die Regeln schon wieder geändert.

Mein Gatte ist als Krankenpfleger jetzt unerlässlich. Er ist Chemotherapie-Pfleger. Seine Abteilung ist chronisch unterbesetzt und ständig überfordert. Jetzt sind bereits neun Kolleginnen ausgefallen, weil sie Symptome zeigten und sicherheitshalber zu Hause bleiben müssen. Die Situation ist schlimm. Er fühlt sich nun überhaupt nicht in der Lage, zu gehen.

Plan C: Wir bleiben, wo wir sind. Und das kann Monate dauern.

Wir sind hier willkommen

Nun ist es noch weniger als eine Woche bis das Vereinigte Königreich die EU verlässt. Der Teil der Bevölkerung, der das wollte kann den Tag kaum erwarten. Es sind Feste geplant, die Flagge wird fliegen, und Big Ben soll bongen – kann er aber nicht, da er gerade repariert wird. Wie schade.

Brexiter kommen dem Rest der Bevölkerung – oder wenigstens uns Ausländern – vor als stünden sie unter einem Wahn. Es ist eine nahezu hysterische Vorfreude auf Brexit – ganz egal unter welchen Bedingungen. Ein No-Deal- oder Hard Brexit ist ihnen ebenso recht, wie ein Brexit mit Austrittsabkommen. Scheißegal. Hauptsache raus! Diese blinde Wut wird besonders gut demonstriert von dem Verhalten der EU-Abgeordneten Ann Widdecombe. Sie scheint vor lauter Brexit-Euphorie komplett den Verstand verloren zu haben.

Während solches Verhalten und zappelige Vorfreude von Brexiter-Seite wenig überrascht, wundere ich mich täglich über die Lethargie der übrigen Bevölkerung. Selbst Remainer freuen sich jetzt auf den Brexit, weil dann endlich das Leben weitergeht und (vielleicht) mal etwas anderes in den Nachrichten kommt und dann (vielleicht) die Regierung mal wieder Zeit hat, zu regieren. Es muss ja auch noch andere Probleme geben in diesem Land.

Als Ausländerin bin ich ganz besonders verwundert über die völlige Unkenntnis die Engländer – ob Leaver oder Remainer oder indifferent – über unsere Situation als EU-Einwanderer. Wenn ich verkünde, dass ich bald das Land verlassen werde ist die erste Frage (besorgter Blick, Stirn in Falten): „Braucht dich deine Mutter?“ Warum sonst würde jemand dieses wunderbare Land verlassen wollen.

„Nein“, antworte ich dann. „Meiner Mutter geht’s ganz hervorragend. Ich gehe wegen Brexit.“ Große Augen. „Findest du nicht, dass du da etwas überreagierst?“

„Nein. Mein Aufenthaltsstatus in diesem Land wird nie wieder sicher sein. Ich habe Bleiberecht, aber was das beinhaltet kann die Regierung jederzeit ändern.“

„Du könntest doch einfach Staatsbürgerschaft beantragen.“ Ja, das könnte ich. Das kostet mich ca. 1.500 £ und die Zahlung der Gebühr garantiert nicht, dass ich die Staatsbürgerschaft bekomme. Der Antrag kann auch abgelehnt werden, aber das Geld wird dann nicht zurückerstattet. Darüber hinaus kann die Staatsbürgerschaft auch zurückgezogen werden. Nach internationalem Recht, darf das nur geschehen, wenn die fragliche Bürgerin noch eine andere Nationalität hätte (was bei mir ja der Fall wäre). Aber dieser Regierung traue ich alles zu, und wenn sie schon vergangenen März gegen internationales Recht verstoßen hat, dann kann sie das seit den letzten Wahlen erst recht. Darüber hinaus macht mich eine britische Staatsbürgerschaft in den Augen der Schaum-vor-dem-Mund-Brexiter noch lange nicht zur Britin. Ich habe einen deutschen Akzent, was mich als Deutsche ausweist – egal mit welchem Pass ich winke.

„Ich möchte aber keine Staatsbürgerschaft beantragen. Ausländerin bliebe ich ja trotzdem. Wenn ich hier nicht erwünscht bin, dann gehe ich lieber.“

„Aber es geht doch gar nicht um Leute wie dich. Es besteht eher eine Angst, von Flüchtlingen aus Afrika oder dem Nahen Osten überrannt zu werden. EU-Ausländer sind doch willkommen! Um die geht es doch gar nicht.“ Wenn ich, jedesmal wenn ich mir das anhören musste ein Pfund bekommen hätte, wäre ich jetzt reich.

„Meinst du? Komisch. Fühlt sich gar nicht so an, wenn die Innenministerin sagt, EU-Ausländer sind Schmarotzer und sie sollten sich schon einmal darauf einstellen, demnächst für medizinische Behandlung zur Kasse gebeten zu werden. Oder wenn der Premierminister sagt, EU-Ausländer hätten dieses Land zu lange wie ihr eigenes behandelt, und es wäre Zeit so langsam mal den Abgang zu machen.“

Dann ist die Überraschung – und der Unglauben – groß. Das sollen die gesagt haben? Das haben die gesagt, und ich kann überhaupt nicht fassen, dass Engländer das nicht wissen. Wer fernsieht und Zeitung liest, an dem können diese berühmten Äußerungen doch überhaupt nicht vorbeigegangen sein. Aber anscheinend doch. Ich weiß das nur, weil es mich betrifft, weil es mich angeht, weil es mich interessiert. Engländer mögen alle möglichen Konsequenzen des Brexit fürchten oder willkommen heißen, aber die Probleme der EU-Ausländer gehören nicht dazu.

Ich kenne sogar ein paar Briten, die eine deutsche Mutter haben, die seit 40, 50 oder gar 60 Jahren mit einem Briten verheiratet ist und ebenso lange hier lebt. Nicht alle dieser Mütter haben einen britischen Pass. Eine meiner Bekannten fragte ich: „Hat deine Mutter schon Bleiberecht beantragt?“ Sie lachte. „Aber nein! Meine Mutter ist seit 58 Jahren mit meinem Vater verheiratet, da hat sie automatisch Bleiberecht.“ Ähm … nein, das hat sie nicht. Die Ehe mit einem Briten ändert überhaupt nichts und gibt der Mutter meiner Bekannten genauso wenig das Recht, hier zu wohnen, wie einer unverheirateten EU-Ausländerin. Das glauben sie nicht, ist aber so. Das hat Theresa May 2013 geändert, als sie noch Innenministerin war. Die über 80jährige Mutter muss entweder die Staatsbürgerschaft oder Bleiberecht beantragen, wie alle EU-Ausländer. Man kann hoffen, dass sie eine alte Dame nicht wirklich ausweisen würden. Was ich aber schockierend finde ist, dass meine britischen Freunde und Bekannten so ein tiefes Vertrauen in den Anstand ihrer Regierung haben, dass es ihnen überhaupt nicht in den Sinn kommt, sich zum Wohl ihrer Mutter zu erkundigen. Immerhin demonstriert diese Regierung ihren Anstand doch täglich.

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Das ganze Dorf freut sich

Ich komme aus einem 700-Seelen-Dorf. Als Teenager wollte ich überall sein, nur nicht dort. Wir hatten kein Meer, keinen Strand, keine Berge (keine richtigen), keinen See – eine langweiligere Gegend konnte ich mir kaum vorstellen. Wir hatten keine Geschäfte, keine Kneipen, keine Discos, kein Kino und eine Scheiß-Busverbindung. Es war der ödeste Ort der Welt, bevölkert von alten Leuten, hauptsächlich neugierigen, wertenden und tratschenden alten Leuten. Mittendrin lebte meine Mutter, die Königin von Neugier, Tratsch und Wertung. Und Missgunst, nicht zu vergessen. Jedem ging es besser als ihr, dabei verdienten die anderen ihr Glück gar nicht. Inzwischen muss ich mich fragen, ob mein Bild vom Dorf nicht vielleicht doch zu sehr durch sie geprägt wurde. Ich konnte nur von ihr auf alle anderen schließen. Nun ist es aber ja nun in Dörfern zwangsläufig so, dass a) nicht viel los ist, so dass man wohl gar nicht anders kann als zu tratschen und b) man jeden kennt, so dass man sich vielleicht auch dafür interessiert, was bei den anderen so los ist. Der Vorteil: In Dörfern liegt selten jemand drei Wochen tot in der Wohnung herum, bis es jemandem auffällt.

Für mich als junges Mädchen war es jedenfalls der letzte Ort, an dem ich mich aufhalten wollte, so dass ich die Flucht ergriff, sobald ich konnte. Ich schaffte es immerhin in die nächstgrößere Stadt. Für meine Mutter war es völlig unverständlich, dass ich lieber Miete zahlen wollte, statt bei kostenlos bei ihr zu wohnen. Für mich war meine Freiheit den Preis wert.

Und jetzt komme ich zurück. Zwischen 1989 und 2019 – 30 Jahre! – hatte ich es nicht für eine Sekunde im Bereich des Möglichen gesehen, jemals wieder in diesem Dorf zu wohnen. Ich habe es nicht abgelehnt, es stand einfach nicht zur Diskussion. Ich hatte ja nicht einmal vorgesehen, wieder in Deutschland zu leben, außer vielleicht als Rentnerin. Mein Mann und ich hatten schon länger davon gesponnen, dass wir mit unseren Freunden eine Alten-WG gründen wollten, und unsere Freunde sind vornehmlich in Deutschland.

Im Sommer haben wir die Entscheidung gefällt, England zu verlassen und nach Deutschland zu gehen. Dass es das Siegerland werden würde, war klar. Wenn man eine Wohnung und einen Job suchen muss, dann bietet es sich an, dorthin zu gehen, wo man die meisten Leute kennt. Und dort sind nunmal unsere deutschen Freunde. Aber das Dorf?

Meine Mutter lebt seit nahezu einem Jahr in einem Pflegeheim, anfangs ungern, inzwischen anscheinend ganz gern. Sie überlegt, den Vorsitz über die Bewohnerversammlung zu übernehmen. Unterdessen steht ihr Elternhaus im Dorf leer. Das Haus ist alt, und kein Haus wird besser davon, dass es nicht bewohnt ist. Wir Töchter (wir sind zu dritt) beratschlagten, was damit passieren soll. Verkauf ist völlig ausgeschlossen, solange meine Mutter lebt. Dem würde sie nie zustimmen. Also dachten wir über Vermietung nach, obwohl ihr auch das nicht passen würde. Am gleichen Tag, als mein Gatte und ich beschlossen, nach Deutschland zurückzukehren, bekam ich einen Anruf von einer meiner Schwestern: jemand hatte Interesse angemeldet, das Haus zu mieten. „Moooment,“ sagte ich, „könnte sein, dass wir das selber brauchen.“

Der Gedanke war, dass der Gatte und ich erstmal kurzfristig dort einziehen, damit wir uns anmelden können, eine Lohnsteuerkarte beantragen und Arbeit suchen können. Jetzt aber, wo wir wort waren und im Haus meiner Mutter aufgeräumt und saubergemacht haben, können wir uns doch vorstellen, langfristig dort zu leben. Das Unvorstellbare ist vorstellbar geworden! Dass wir in ihr Haus einziehen, wird meiner Mutter auch nicht passen, schließlich wohnen dort ihre Möbel. Aber von allen Alternativen, die sie nicht will, scheint mir diese doch noch die am ehesten akzeptable zu sein. Bisher weiß sie nichts von unseren Plänen. Ich hätte es ihr ja erzählt, aber sie hat nicht gefragt. Die große Enthüllung ist vorerst verschoben.

Neulich hatte ich einen kurzen Schwatz mit einem Bauern aus der Nachbarschaft, dessen Schafe auf unserer Wiese grasen. Dabei kündigte ich an, dass wir nächstes Jahr zurückkommen. „Kann ich verstehen,“ meinte er. „Was da in England gerade läuft muss ja wohl ziemlich stressig sein.“

24 Stunden später besuchten eine meiner Schwestern und ich den Friedhof, um nach unseren Familiengräbern zu schauen. Eine Frau (das Gesicht kannte ich, aber der Name …?) sprach uns an, mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. „Mensch, ich hab‘ gehört, du kommst zurück ins Dorf!?! Das ganze Dorf freut sich!“ Das würde mich nun sehr wundern, denn wer im Dorf unter 40 ist kann mich gar nicht kennen. Die meisten, die mich kannten, sind längst verstorben und dass es den Rest kümmert, wo ich wohne, sollte mich doch sehr wundern. Aber gut … wenn ich bloß wüsste, wer sie ist. Sie sah uns an, dass wir keine Ahnung hatten. „Ich bin’s, Ulrike!“ Ulrike wer? Ich machte den Fehler zu raten und riet falsch. Glücklicherweise schien sie es mir nicht übel zu nehmen. „Einmal im Monat treffen wir uns alle (wer ist ‚wir‘ – das ganze Dorf) im Heimatstübchen auf ein Bier, und das war gestern. Da sagte Bauer X, dass du zurückkommst.“

Tja, so ist das auf dem Dorf. Sachen sprechen sich in Windeseile rum, auch im 21. Jahrhundert. Nach 20 Jahren in England, wo uns a) keiner kennt und b) sich jeder um seinen eigenen Kram kümmert, wird es gewöhnungsbedürftig sein, zurück in mein Heimatdorf zu ziehen. Kann ich das?

Ich glaube schon. Mit über 50 ist es mir egal, was die Leute reden (sage ich jetzt mal so). Ich denke mal, das wird schon klappen.

Photo by Evgeny Nelmin on Unsplash

Die Familie freut sich

Wir sind nun seit einer Woche aus Deutschland zurück – dem längsten Besuch (zweieinhalb Wochen), seit ich gegangen bin. Meine Schwester hatte einen großen Geburtstag, und wollte mal wieder mit der Verwandtschaft feiern, deshalb kam sie – die auch weit weg wohnt – zu diesem Anlass zurück in unseren Heimatort.

Bei dieser Gelegenheit haben wir dann die Katze aus dem Sack gelassen und der Verwandtschaft mitgeteilt, dass wir zurückkommen. Alle freuen sich, mit einer Ausnahme: meine Mutter. Nicht, dass sie etwas gegen unsere Rückkehr hätte. Das will ich nicht sagen. Es scheint ihr nur ziemlich wurscht zu sein. Das ist sicher nichts Persönliches, sie hat sich auch nicht darüber gefreut, dass meine Schwester ihren Geburtstag vor Ort feiert – was bedeutete, dass auch sie kommen konnte -, oder dass meine Nichte ihr erstes Baby erwartet. Der mangelnde Enthusiasmus kann jetzt daran liegen, dass sie Psychopharmaka nehmen muss, oder dass sie mit 84 einfach andere Sorgen hat. Der einzige Kommentar zu unseren Neuigkeiten war: „Na, dein Gatte (Krankenpfleger) wird ja kein Problem haben, hier Arbeit zu finden. Aber was willst du machen?“

Ich war im Kopf meiner Mutter schon immer ziemlich nutzlos. Im Grunde hätte ich einem Arbeitgeber noch Geld geben müssen, damit er mich beschäftigt. Warum, weiß ich nicht. Eigentlich hat immer alles ganz gut geklappt. Aber getreu ihrer Überzeugung fragte sie sich nun, was aus mir werden soll. „Notfalls kann sie ja putzen gehen“, sagte meine Schwester. „

Der Rest der Familie freut sich aber, und wie ich aus der Facebook-Gruppe für „Deutsche Rückwanderer aus Großbritannien“ (am 26.10.19 1,118 Mitglieder) weiß, ist das nicht zwangsläufig der Fall. Es gibt mehr als eine/n Rückwanderer, dessen Familie nicht begeistert war, und sich in manchen Fällen wünschen, das fragliche Familienmitglied würde bleiben, wo der Pfeffer wächst. Das überrascht mich sehr. Mir ist schon klar, dass Familienmitglieder sich nicht immer lieben und in vielen Familien Zoff herrscht, aber schlimmstenfalls sollte es einem dann halt eben egal sein, ob jemand zurückkehrt. Sie werden ja nicht gleich bei einem einziehen. Vielleicht kommt es auf die Umstände an, wegen der jemand weggezogen ist.

Bei mir war es kein Streit, ich wurde nicht vertrieben – im Gegenteil -, ich war nur neugierig und abenteuerlustig. Ich komme aus einem winzigen Kaff in Südwestfalen und wollte in die große weite Welt. Ich habe eine riesige Verwandtschaft. Mein Vater hatte 11 Geschwister, meine Mutter gar keine, sonst hätte ich erst recht keinen Überblick mehr. Dafür war meine Oma (mütterlicherseits) die Älteste von 5 Kindern, und die Cousins und Cousinen meiner Mutter (und deren Kinder) sind auch noch fast alle am Ort. Oma väterlicherseits kam sicher auch aus einer großen Familie. Ich kann mich an drei Schwestern erinnern und eine davon hatte auch viele Kinder. Kurz: Ich bin mit fast jedem dort verwandt, wenn auch nicht mit jedem in Kontakt, und nicht jeden wird es interessieren, wo ich wohne. Die engere Verwandtschaft jedoch, die, die zum Geburtstag meiner Schwester gekommen sind, die freuen sich. Und wir freuen uns auch.

„Wird schon alles nicht so schlimm.“

Es ist wahrscheinlich unfair, aber ich fühle mich irgendwie von den Remainern im Stich gelassen. Unfair deshalb, weil mein Gastgeberland und dessen Einwohner nicht für meine Glückseligkeit verantwortlich sind, und zweitens weil sie selbst tiefer in der Scheiße stecken als ich, denn ich kann ja wenigstens auswandern. Ich glaube, das Gefühl kommt daher, dass ich als Ausländerin kein Recht hatte, mit abzustimmen und auch kein Wahlrecht habe. Mein Schicksal liegt deshalb sozusagen in den Händen der Menschen um mich herum. Ich war immer sehr froh darüber, dass der allergrößte Teil davon immerhin Remainer waren.

Aber die nehmen ihr Los einfach so hin, und wie es scheint, ärgert mich das. Dabei weiß ich nicht, a) ich es anders machen würde, wenn ich Britin wäre und b) was sie überhaupt machen sollen. Auf die Straße gehen? Machen sie ja, wenn auch vielleicht nicht häufig genug. Wütende Facebook-Posts schreiben. Machen sie auch. Nützt bloß nix. Petitionen unterschreiben? Machen sie auch. Kommt auch nichts bei raus. Einer fragte: „Was soll ich denn machen?“ – Ich: „Vielleicht an den Abgeordneten für deinen Wahlkreis schreiben?“ – Er: „Und was soll der machen? Das Parlament ist ja auch auf Eis.“ Ah. Stimmt.

Vor drei Jahren hatte ich den Eindruck, dass viele ihren Umgang mit dem Referendum bereut haben und dass sie es anders machen würden, wenn man die Zeit zurückdrehen könnte, zum Beispiel hingehen. Und es ernst nehmen, also nicht unbedingt das Referendum benutzen, um der Regierung zu zeigen, dass man unzufrieden ist, sondern Protestwähler lieber für die nächsten Parlamentswahlen aufzuheben. Ich glaube, ein zweiter Anlauf unmittelbar nach dem Referendum hätte „Remain“ mit Abstand gewonnen. Sollte es aber heute ein zweites Referendum geben, dann bin ich mir dessen nicht mehr so sicher.

Immer häufiger – fast täglich – höre ich Remainer-Freunde und -Bekannte sagen: „Ach, so schlimm wird’s schon nicht werden. Es wird ein paar Startschwierigkeiten geben, aber, wirst sehen, in ein paar Monaten ist alles wieder beim Alten.“ Da habe ich ganz gehörige Zweifel, aber wenn man Brite ist, dann muss man sich das wahrscheinlich sagen, um nicht depressiv zu werden. Für mich hören sie sich nur mehr und mehr wie Brexiter an, die ja schon immer diese Leier wiederholen. Für mich klingen sie dann immer mehr wie Brexiter.

Bleiberecht erhalten

Vorige Woche hatte ich Besuch von einer Bekannten, die für „Leave“ gestimmt hat. Das hat mich damals tief getroffen und wir meiden das Thema für gewöhnlich (und seither). Als sie hier war erspähte sie unsere „Bollocks to Brexit“-Pins am Boiler.

„Witziger Pin“, kommentierte sie.

Ich war nicht sicher, ob sie das ernst meinte … „Findest du?“ Um die Message rüberzubringen, inwiefern ihr Votum mich betrifft, sagte ich: „Ich habe übrigens diese Woche ’settled status‘ beantragt.

„Wozu brauchst du das denn? Du wohnst doch hier!“

Ich rollte die Augen. „Ja, deswegen brauche ich das ja. Sonst kann es mir nach dem 31. Oktober passieren, dass ich nicht mehr ohne weiteres einreisen kann. Wie soll ich sonst an der Grenze beweisen, dass ich hier wohne? Brexit ist halt Scheiße.“

„Brexit geht ja nicht gegen Ausländer. Wir wollen ja nur wieder unsere eigenen Gesetze machen und uns nicht fremdbestimmen lassen.“ Wortwörtliches Nachgequassel der Brexiter-Propaganda. 99% aller in Großbritannien gültigen Gesetze wurden in Großbritannien vom britischen Parlament beschlossen. Aber wer weiß das schon? Brexiter jedenfalls nicht. Ich wollte nicht darauf eingehen, denn sie hätte mir sowieso nicht geglaubt. Außerdem besteht an Fakten ja kein Interesse, anscheinend. Aber die Bemerkung machte mich wütend.

„Lass uns lieber das Thema wechseln, ja?“ knirschte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Sie hielt dann auch sofort die Klappe.

Dass ich das Bleiberecht beantragt hatte, hatte ich ja schon geschrieben. Es hieß, ich würde binnen vier Arbeitstagen Bescheid bekommen. Ich hatte gedacht, dass ich in diesem Zeitraum erfahren würde, ob ich Bleiberecht bekomme oder nicht. In Wirklichkeit bekam ich am 4. Tag einen Brief, mit dem lediglich der Erhalt meines Antrags bestätigt wurde. Man würde mir dann bald die Entscheidung mitteilen. In der Zwischenzeit möge ich einfach mein Leben weiterführen wie bisher. Wie gnädig. „Jokers!“ sagte meine Nachbarin.

Am Freitag – 10 Tage nach Antragstellung – erhielt ich dann Bescheid, dass meinem Antrag auf Bleiberecht stattgegeben wurde.

Meine Nachbarin freut sich, weil sie denkt, dass ich nun auch bleibe, und ich fühle mich etwas schäbig, dass ich ihr nicht gesagt habe, dass wir gehen. An mir liegt’s nicht, aber der Gatte hat seine Arbeit noch nicht gekündigt und noch nicht verlauten lassen, dass wir wegziehen. Er will nicht, dass sein Arbeitgeber das von anderer Seite her erfährt.